Felix wollte seiner Schwester ein Theater vorspielen.
Zwischen zwei Stühlen hing eine Decke. Dahinter stand eine Kiste mit Fingerpuppen. Es gab einen König, eine Maus und einen Drachen, dessen linker Flügel immer nach unten klappte.
Anna saß auf dem Sofa und hielt ihre Eintrittskarte fest.
Darauf stand: FÜR ANNA.
Felix hatte die Buchstaben selbst geschrieben.
Neben der Kiste saß Bruno. Das Wortmonster war fliederblau, hatte lange weiche Ohren und trug eine kleine Tasche mit Papierzetteln um den Bauch.
Bruno sammelte Wörter.
Nicht alle. Nur solche, die ihm gefielen.
Heute hatte es „Kissen“, „Purzelbaum“ und „vielleicht“ dabei.
„Vielleicht ist ein gutes Wort“, erklärte es. „Da ist noch Platz für eine Idee.“
Felix nickte. Er war gerade damit beschäftigt, dem Drachen den Flügel zurechtzurücken.
„Du kannst die Maus sprechen.“
Bruno steckte die Fingerpuppe auf eine Pfote.
„Guten Abend“, piepste es.
Anna kicherte hinter der Decke.
Die Vorstellung begann.
Der König wollte ein Fest geben. Die Maus sollte eine Einladung zum Drachen bringen. Felix hatte dafür einen winzigen Zettel gefaltet.
Bruno nahm ihn mit der Mäusepfote entgegen.
„Was steht drauf?“
Felix schaute nach.
Er hatte ein Bild vom Schloss gemalt. Darunter ein Herz. Die Wörter hatte er noch nicht geschrieben.
„Sag einfach: Du darfst kommen.“
Bruno nickte und ließ die Maus über den Rand der Decke laufen.
Der Drache wartete am anderen Ende.
„Der König sagt“, piepste Bruno, „du darfst nicht kommen.“
Felix hielt mitten in der Bewegung an.
„Nicht?“
Bruno schaute auf den Zettel.
„Habe ich nicht gesagt?“
Anna richtete sich auf.
„Warum darf der Drache nicht zum Fest?“
Felix zog die Puppe hinter die Decke.
„Doch! Er soll doch kommen!“
Brunos Ohren sanken herunter.
In seinem Kopf waren so viele Wörter gewesen. Eines war an der falschen Stelle herausgepurzelt.
„Entschuldigung“, sagte es leise.
Felix schaute zum Drachen. Sein Flügel hing wieder schief. Jetzt war auch noch die Geschichte durcheinander.
Er wollte nicht von vorne anfangen.
Anna wartete auf dem Sofa.
„Geht es weiter?“
Felix wusste es noch nicht.
Bruno setzte die Maus auf die Kiste.
„Dieses kleine Wort hat ganz schön viel verändert.“
Felix nickte.
Er nahm einen neuen Zettel und schrieb mit großen Buchstaben NICHT darauf. Mama hatte ihm das Wort einmal aufgeschrieben, und er erinnerte sich an die Form.
Dann lasen sie zusammen die beiden Sätze.
„Du darfst kommen.“
„Du darfst nicht kommen.“
Bruno hielt den kleinen Zettel hoch.
„Fünf Buchstaben. Und plötzlich bleibt jemand vor der Tür.“
Felix strich dem Drachen über den Rücken.
„Unser Drache soll aber mitfeiern.“
„Dann müssen wir es ihm sagen“, meinte Bruno.
Felix sah zur Decke.
Sie mussten die Geschichte vielleicht gar nicht neu anfangen.
Vielleicht konnte die Maus ihren Fehler bemerken.
Er hob die Drachenpuppe wieder hoch.
„Der Drache ist jetzt traurig“, erklärte er Anna. „Aber die Maus kommt noch einmal.“
Bruno nahm die Maus auf die Pfote.
Diesmal ging sie langsamer.
„Lieber Drache“, piepste sie, „ich habe mich versprochen. Du darfst kommen. Der König freut sich auf dich.“
Felix ließ den Drachen den Kopf heben.
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Anna lächelte.
Der Drache machte einen kleinen Freudensprung.
Dabei fiel sein linker Flügel ganz ab.
Er landete direkt vor der Decke.
Niemand sagte etwas.
Dann schaute Anna auf den Flügel und wieder zur Bühne.
„Jetzt kann er nicht fliegen.“
Bruno blinzelte.
Felix betrachtete den Drachen. Dann die Maus.
Langsam kam ihm eine Idee.
„Er kann nicht fliegen“, sagte er. „Aber er kann laufen.“
Bruno ließ die Maus neben den Drachen treten.
„Dann gehen wir zusammen.“
Die beiden Puppen wanderten über die Decke. Der Drache hüpfte ein wenig, weil Felix nur eine Hand frei hatte. Die Maus wartete immer wieder auf ihn.
Am Schloss öffnete der König die Tür.
„Schön, dass ihr da seid!“
Anna klatschte.
Bruno verbeugte sich mit der Mäusepfote. Felix verbeugte sich mit dem Drachen. Dabei stieß dessen Nase gegen die Krone des Königs.
Es war ein sehr lustiges Fest.
Nach der Vorstellung half Mama, den Flügel wieder anzustecken.
Anna durfte die Puppen in die Kiste legen. Den Drachen legte sie neben die Maus.
„Die gehören jetzt zusammen“, sagte sie.
Bruno sammelte seine Zettel ein.
„Kissen“ kam in die Tasche.
„Purzelbaum“ auch.
Das NICHT lag noch auf der Kiste.
Felix gab es Bruno.
„Das darf auch mit. Man muss nur wissen, wo es hingehört.“
Bruno faltete den Zettel vorsichtig.
Dann zog Felix die Decke von den Stühlen und breitete sie auf dem Sofa aus. Anna setzte sich neben ihn. Bruno kuschelte sich an ein Kissen.
„Gibt es morgen wieder Theater?“, fragte Anna.
Felix gähnte.
„Vielleicht.“
Bruno lächelte.
Das war eines seiner Lieblingswörter.