Katrin hatte sich einen Beobachtungsplatz gebaut.
Er bestand aus einem Kissen auf der Küchenbank. Von dort konnte sie durch das Fenster in den Garten schauen, ohne auf Zehenspitzen stehen zu müssen.
Draußen hüpfte eine Amsel über den Rasen.
Sie hatte dunkle Federn und einen gelben Schnabel. Immer wieder hielt sie den Kopf schief, blieb stehen und hüpfte dann weiter.
„Sie sieht aus, als hätte sie etwas vergessen“, sagte Katrin.
Frieda stellte sich neben die Bank. Das Tiermonster stützte seine großen Pfoten auf die Fensterkante.
„Vielleicht, wo es eben noch war.“
Katrin lachte leise.
Oma kam mit einer Schüssel Erbsen an den Tisch.
„Das ist eine Amsel“, sagte sie. „Wir können ihr von hier aus gut zuschauen.“
Die Amsel zog an etwas im Gras. Dann richtete sie sich wieder auf.
Katrin legte sich ihr kleines Zeichenheft auf die Knie.
Sie wollte den Vogel malen.
Zuerst den runden Körper. Dann den Kopf. Dann die Füße.
Als sie den Schnabel zeichnen wollte, flog die Amsel davon.
Katrin sah auf die leere Wiese.
„Jetzt fehlt mir die Hälfte.“
Frieda betrachtete das Bild.
„Ein sehr geheimnisvoller Vogel.“
Katrin legte den Stift hin.
Sie hatte gehofft, die Amsel würde stillhalten, wenigstens für einen Augenblick.
Oma löste eine Erbse aus ihrer Hülse.
„Vielleicht kommt sie wieder.“
Katrin wartete.
Frieda wartete auch.
Die Küchenuhr machte ein leises Geräusch. Eine Wolke zog am Fenster vorbei. Auf dem Zaun bewegte sich ein Blatt, das an einem Spinnfaden hing.
Keine Amsel.
Katrin rutschte vom Kissen.
„Ich schaue draußen nach.“
Oma ging mit ihr zur Gartentür. Frieda folgte auf leisen Pfoten.
Kaum waren sie auf dem Weg, entdeckte Katrin den Vogel unter dem Johannisbeerstrauch.
„Da!“
Sie machte einen schnellen Schritt nach vorn.
Die Amsel flatterte auf den Zaun.
Katrin blieb stehen.
Der Vogel schaute zu ihr herüber. Sein Schwanz bewegte sich einmal auf und ab.
Dann flog er in den nächsten Garten.
Katrin ließ die Schultern sinken.
„Ich wollte doch nur gucken.“
Frieda setzte sich auf den Weg.
„Meine Pfoten sind für eine Amsel wahrscheinlich ziemlich groß.“
Katrin sah auf ihre Schuhe. Sie waren viel länger als der ganze Vogel.
Oma blieb neben ihnen.
„Wir geben ihr ein bisschen Platz. Vielleicht beobachten wir von der Bank aus weiter.“
Zurück in der Küche legte Katrin das Kissen wieder zurecht. Diesmal setzte sie sich etwas weiter vom Fenster entfernt hin.
Frieda hockte neben ihr.
„Wir könnten üben, nicht sofort loszuhüpfen“, sagte das Monster.
„Wie die Amsel?“
„Genau andersherum.“
Katrin nahm den Stift wieder in die Hand.
Sie zeichnete einen gelben Schnabel an ihren unfertigen Vogel. Den hatte sie sich gut gemerkt.
Dann die zwei dünnen Beine.
„Der Schwanz fehlt noch.“
Frieda betrachtete das Bild.
„Den lassen wir frei, bis wir ihn wieder sehen.“
Oma schob ihnen ein paar Erbsenhülsen zum Öffnen hin. Katrin drückte eine vorsichtig auseinander. Darin saßen die grünen Erbsen wie kleine Reisende nebeneinander.
Eine rollte auf den Tisch.
Frieda hielt sie mit einer Pfote auf.
In diesem Moment landete die Amsel auf dem Rasen.
Katrin hob den Kopf.
Sie wollte schon „Da!“ rufen.
Dann sagte sie es nur ganz leise.
Frieda nickte.
Die Amsel hüpfte bis zu der Stelle, an der sie vorhin gewesen war. Sie zog etwas aus der Erde und verschwand kurz hinter einem Grasbüschel.
Nun konnte Katrin den Schwanz sehen.
Sie zeichnete ihn mit zwei schnellen Strichen.
Der Vogel hielt den Kopf schief.
Katrin zeichnete auch das.
Ihr Bild war nicht genau wie die Amsel. Die Beine waren etwas zu dick, und ein Flügel sah aus wie ein Blatt.
Aber jetzt hatte der Vogel einen ganzen Körper.
Katrin lächelte.
Draußen flog die Amsel wieder davon.
Diesmal fühlte es sich nicht an, als hätte sie die Vorstellung zu früh beendet.
Sie hatte einfach etwas anderes vor.
Oma sammelte die Erbsen ein. Katrin legte das Bild auf die freie Seite der Fensterbank.
Frieda setzte sich wieder auf den Boden.
„Wir waren ganz schön lange still“, sagte Katrin.
„Meine Pfoten haben gut mitgemacht.“
Katrin streckte die Beine aus.
Im Garten bewegte sich nur das Gras.
Sie musste nicht weiter auf die Amsel warten. Wenn sie wiederkam, war das schön. Und wenn nicht, hatte Katrin ihr Bild.
Oma stellte drei Becher auf den Tisch.
Katrin nahm einen Schluck Wasser und betrachtete den gelben Schnabel auf dem Papier.
Frieda lehnte sich an die Bank.
Draußen gehörte der Nachmittag wieder den Vögeln.