Lina mochte den Garten nach dem Regen.
Auf den Blättern lagen Tropfen. Die Erde roch dunkel und frisch. Und auf dem Weg gab es Pfützen, in denen der Himmel auf dem Kopf stand.
Opa stellte zwei kleine Stühle unter das Vordach.
„Für unsere Gartenpause“, sagte er.
Lina wollte gerade ihren Stuhl heranziehen, als sie etwas auf dem Boden entdeckte.
Eine dünne silbrige Linie zog sich über die Steinplatte.
Sie glänzte, wenn Lina den Kopf bewegte.
Dann war sie fast unsichtbar.
„Opa, hier ist eine Spur.“
Hinter einem Blumentopf schnupperte jemand.
Lina richtete sich auf.
Zwei runde Ohren tauchten auf. Dann eine weiche braune Nase. Dann ein kleines Monster mit großen Pfoten und einem Bauch in der Farbe von Haferbrei.
Es sah ebenfalls auf die Steinplatte.
„Ich bin nicht darauf getreten“, sagte es sofort.
„Wer bist du?“
„Frieda. Ich wollte nur riechen, ob der Regen schon fertig ist.“
Lina blinzelte.
„Kann man das riechen?“
Frieda überlegte.
„Ich kann riechen, dass die Erde nass ist. Beim Fertigsein bin ich mir nicht ganz sicher.“
Das gefiel Lina. Sie zeigte auf die glänzende Linie.
„Weißt du, wer das gemacht hat?“
Frieda ging in die Hocke.
Es waren keine Fußabdrücke. Keine runden Löcher. Keine Krallenstriche.
Nur eine einzige lange Spur.
„Vielleicht jemand auf einem winzigen Schlitten“, sagte Frieda.
„Im Sommer?“
„Ein sehr entschlossener Schlittenfahrer.“
Opa kam näher. Er betrachtete die Linie, sagte aber noch nichts.
Lina und Frieda folgten der Spur bis zur nächsten Platte.
Dort hörte sie auf.
„Jetzt ist sie weg.“
Lina bückte sich tiefer. Von hier aus sah der Boden einfach nur grau aus.
Frieda legte den Kopf schief.
„Da hinten glitzert etwas.“
Lina ging einen Schritt zur Seite. Tatsächlich! Im anderen Licht wurde die Linie wieder sichtbar.
Sie führte zu einer Gießkanne.
Hinter der Gießkanne lag ein gelbes Blatt.
Dahinter nichts.
Frieda setzte sich auf die Hinterpfoten.
„Unser Schlittenfahrer kann verschwinden.“
Lina schaute zum Blumenbeet. Überall lagen feuchte Blätter. Zwischen zwei Steinen war eine dunkle Lücke.
Sie fühlte sich plötzlich sehr groß. Vielleicht gab es hier etwas Kleines, das sie mit ihrem Schuh übersehen konnte.
„Wir sollten langsam gehen“, sagte sie.
Frieda zog die Pfoten dicht an sich.
„Langsam kann ich.“
Ganz langsam konnte Frieda sogar besonders gut. Sie hob eine Pfote, setzte sie vorsichtig ab und schaute erst dann nach der nächsten.
Lina musste lächeln.
Opa stellte die Gießkanne ein Stück zur Seite. Darunter setzte sich die Spur fort.
Nun führte sie direkt auf das gelbe Blatt zu.
Lina wollte danach greifen.
Dann hielt sie inne.
Das Blatt bewegte sich.
Nicht viel.
Nur ein kleines Stück.
Frieda machte die Augen groß.
Lina setzte sich auf die trockene Kante neben dem Weg. Opa hockte sich zu ihr.
„Wir können von hier aus schauen“, sagte er.
Eine Weile passierte gar nichts.
Ein Tropfen fiel vom Vordach. Irgendwo schimpfte ein Vogel. Friedas Nase zuckte.
Dann erschien unter dem Blatt ein kleiner Kopf.
Zwei lange Fühler streckten sich vorsichtig nach vorn.
Dahinter kam ein braunes Schneckenhaus zum Vorschein.
„Eine Schnecke“, flüsterte Lina.
Die Schnecke glitt langsam unter dem Blatt hervor. Hinter ihr blieb eine glänzende Linie zurück.
Lina schaute von der Schnecke zur Spur und wieder zurück.
„Die hat sie gemacht!“
Opa nickte.
„Schnecken bilden Schleim, auf dem sie sich bewegen. Auf dem Stein können wir die Spur gut sehen.“
Frieda betrachtete ihre eigenen Pfoten.
„Ich brauche dafür vier Füße. Sie kommt ganz ohne Pfotenschritte weiter.“
Die Schnecke erreichte eine kleine Unebenheit im Stein. Ihr Körper streckte sich darüber. Das Haus folgte ganz langsam.
Lina hielt die Luft an, als müsste die Schnecke einen Berg überqueren.
Dann war sie drüben.
„Geschafft“, flüsterte Lina.
Frieda nickte feierlich.
Niemand half nach. Niemand stupste das Haus an. Sie schauten einfach zu, wie die Schnecke ihren eigenen Weg fand.
Am Rand des Beetes wartete ein großes Blatt. Die Schnecke verschwand darunter, zuerst mit dem Kopf, dann mit dem Haus.
Die silbrige Spur blieb noch eine Weile sichtbar.
Opa brachte die Stühle wieder an ihren Platz. Lina setzte sich auf ihren. Frieda machte es sich auf einem alten Sitzkissen bequem.
„Ich dachte erst, wir müssten jemanden finden“, sagte Lina.
Frieda lehnte sich zurück.
„Und dann mussten wir vor allem warten.“
Lina sah zu dem großen Blatt.
Darunter war es dunkel und feucht. Für die Schnecke war das vielleicht gerade ein sehr guter Platz.
Opa schenkte Wasser in die Becher.
Eine Wolke zog vor die Sonne. Die Spur auf dem Stein glänzte jetzt kaum noch.
Aber Lina wusste, dass sie da war.
Frieda schloss die Augen.
„Riecht der Regen noch?“, fragte Lina.
„Ein bisschen.“
„Und ist er fertig?“
Frieda ließ sich Zeit mit der Antwort.
Dann fiel ein einzelner Tropfen von der Dachrinne auf den Weg.
„Fast“, sagte sie.