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ZUM VORLESEN UND ZUSAMMENKUSCHELN

Das Gedanken-Monster und das Rascheln im Dunkeln

Mit Karl und einem ziemlich verträumten neuen Freund.

An diesem Abend war eigentlich alles wie immer.

Der Schlafanzug lag verkehrt herum auf dem Bett. Beim Zähneputzen war ein winziger Klecks Zahnpasta auf dem Spiegel gelandet. Und auf dem Nachttisch wartete ein Glas Wasser neben einem Buch, das für heute schon zugeklappt war.

Karl kuschelte sich unter die Decke.

„Tür einen Spalt offen?“, fragte Papa.

„Einen mittelgroßen Spalt.“

Papa schob die Tür ein Stück zu.

„So?“

Karl überlegte.

„Ein bisschen mittelgrößer.“

Papa lächelte und öffnete sie wieder ein wenig. Ein Streifen Licht fiel vom Flur bis zum Teppich.

„Ich bin nebenan.“

„Weiß ich“, sagte Karl.

Dann wurde es still.

Nicht vollkommen still. Das wurde es im Haus eigentlich nie. Irgendwo gluckerte ein Rohr. Draußen fuhr ein Auto vorbei. Papa stellte etwas in die Spüle.

Karl kannte diese Geräusche.

Aber dann kam ein anderes.

Schrrr. Raschel.

Karl öffnete die Augen.

Eine Weile geschah nichts.

Dann wieder:

Schrrr. Raschelraschel.

Es kam vom Fenster.

Dort hing die Gardine. Tagsüber war sie gelb und hatte kleine weiße Punkte. Jetzt sah sie grau aus. Unten machte sie eine Beule.

Eine ziemlich verdächtige Beule.

Karl zog die Füße an.

Vielleicht war dort etwas.

Etwas mit Pfoten.

Oder mit einer Nase, die durch den Stoff schnupperte.

Oder mit—

„Siebzehn Hüten“, sagte eine leise Stimme.

Karl hielt die Luft an.

Am Fußende des Bettes saß ein Monster.

Es war rund und weich und ungefähr so groß wie der Wäschekorb. Zwei breite Ohren hingen ihm seitlich vom Kopf. Auf seinem Bauch kringelten sich feine Linien, als hätte jemand dort kleine Wege eingezeichnet.

Das Monster schaute zur Gardine.

„Obwohl“, murmelte es, „siebzehn Hüte sind beim Schleichen wirklich unpraktisch.“

Karl blinzelte.

Das Monster blinzelte zurück.

„Wer bist du?“

„Das Gedanken-Monster.“

„Und was machst du auf meinem Bett?“

Das Monster sah unter sich.

„Sitzen“, sagte es. „Aber ich kann auch runtergehen.“

Es rutschte vorsichtig auf den Teppich. Dabei setzte es sich auf eines seiner Ohren.

„Huch.“

Es zog das Ohr unter seinem Po hervor und legte es ordentlich über die Schulter.

Karl musste ein kleines bisschen lachen.

Dann raschelte es wieder.

Sofort schaute Karl zum Fenster.

Das Gedanken-Monster schaute mit.

„Vielleicht jemand mit einem Mantel aus Butterbrotpapier“, flüsterte es.

„Hör bitte auf“, sagte Karl. „Davon wird es noch unheimlicher.“

Die Ohren des Monsters sanken herunter.

„Oh“, sagte es. „Entschuldigung.“

Eine Weile schwiegen beide.

„Ist da wirklich jemand?“, fragte Karl schließlich.

„Das weiß ich nicht.“

„Aber du hast doch die Hüte gesagt.“

„Ja.“ Das Monster knetete sein Ohr zwischen den Pfoten. „Mir fällt sehr schnell etwas ein. Besonders dann, wenn ich wenig sehen kann.“

Karl betrachtete die Beule in der Gardine.

„Mir auch.“

„Ich habe schon einmal einen Pullover für einen schlafenden Drachen gehalten“, sagte das Monster.

„Wirklich?“

„Er lag auf einem Stuhl. Ein Ärmel hing herunter. Eine sehr überzeugende Drachennase.“

„Und dann?“

„Dann wurde der Pullover angezogen. Das hat meine Drachengeschichte ziemlich durcheinandergebracht.“

Karl lächelte. Doch das mulmige Gefühl im Bauch blieb.

„Ich möchte trotzdem wissen, was da raschelt.“

Das Gedanken-Monster nickte.

„Wie möchtest du nachsehen?“

Karl streckte eine Hand nach der kleinen Lampe auf dem Nachttisch aus. Dann hielt Karl inne.

„Mit Papa.“

„Gut“, sagte das Monster und rückte aus dem Weg.

„Papa?“

Die Antwort kam gleich.

„Ja?“

„Hier raschelt etwas. Kommst du mal?“

Kurz darauf stand Papa in der Tür.

Karl knipste die Nachttischlampe an. Das Zimmer bekam seine Farben zurück. Der Stuhl war blau. Der Teppich grün. Und die Gardine war wieder gelb mit weißen Punkten.

Nur die Beule war noch da.

„Dort“, sagte Karl.

Papa setzte sich auf die Bettkante.

Sie warteten.

Zuerst hörten sie das Rohr.

Dann ein Auto.

Dann:

Schrrr. Raschel.

Die Gardine bewegte sich.

Etwas Helles schob sich darunter hervor.

Das Gedanken-Monster drückte beide Pfoten auf seinen Mund. Offenbar fiel ihm gerade sehr viel ein.

Karl griff nach Papas Hand.

Papa blieb sitzen.

„Wollen wir von hier aus schauen?“

Karl nickte.

Die Gardine hob sich ein Stück. Das helle Etwas rollte nach vorn, kippte um und blieb liegen.

Es hatte eine Spitze.

Und einen Knick.

Und auf einer Seite einen grünen Wachsmalstiftstrich.

„Mein Schiff!“, sagte Karl.

Es war das Papierschiff, das Karl am Nachmittag gefaltet hatte. Es hatte auf der Fensterbank gestanden.

Jetzt lag es auf der Seite, halb unter der Gardine.

Papa zeigte auf das gekippte Fenster.

Ein Luftzug kam herein. Die Gardine strich über das Papier.

Schrrr.

Das Schiff rutschte ein Stück.

Raschel.

Karl ließ Papas Hand ein wenig lockerer.

„Es wollte wohl verreisen“, sagte Papa.

„Ohne Wasser“, sagte Karl.

„Schwierige Reise.“

Das Gedanken-Monster nahm die Pfoten vom Mund.

„Ein Teppichkapitän“, flüsterte es.

Diesmal gefiel Karl der Gedanke.

Papa holte das Schiff hervor. Eine Ecke war eingedrückt, aber es konnte noch stehen. Karl stellte es auf den Nachttisch, neben das Wasserglas.

„Hier ist Hafen.“

Papa schloss das Fenster. Die Gardine hing still.

„Soll ich noch ein bisschen bleiben?“

„Ja, bitte.“

Also blieb er.

Karl lag unter der Decke. Papa saß daneben. Und das Gedanken-Monster lehnte am Bett, mit einem Ohr über der Schulter und dem anderen auf dem Teppich.

Das mulmige Gefühl verschwand nicht auf einmal. Aber nach einer Weile streckte Karl die Füße wieder bis ans Ende der Decke.

„Ich dachte wirklich, da wäre etwas“, sagte Karl leise.

Papa strich die Decke glatt.

„Das Rascheln war ja auch da. Wir wussten nur noch nicht, woher es kam.“

Karl sah zum Gedanken-Monster.

Es nickte so kräftig, dass sein Ohr von der Schulter rutschte.


Als Papa später nebenan war, blieb die Tür mittelgroß offen.

Das Gedanken-Monster saß noch auf dem Teppich.

„Denkst du dir immer Hüte und Drachen aus?“, fragte Karl.

„Nicht immer. Manchmal denke ich mir jemanden aus, der in einer Birne wohnt. Oder ein kleines Monster, das alle Zahlen durcheinanderbringt, weil es beim Zählen kichern muss.“

„Was noch?“

Das Monster betrachtete die Kringel auf seinem Bauch.

„Ein Nachtmonster, das einen ruhigen Platz zum Gähnen sucht. Ein Tiermonster, das Spuren im Matsch untersucht. Und eins, das wissen möchte, welche Farbe eine Pfütze hat.“

Karl kuschelte sich tiefer ins Kissen.

„Durchsichtig?“

„Vielleicht. Das Farbenmonster besteht darauf, dass manchmal ein ganzer Himmel hineinpasst.“

Darüber dachte Karl nach.

„Das stimmt eigentlich.“

„Ein Weltmonster könnte nachsehen, ob das bei Pfützen anderswo auch so ist“, sagte das Gedanken-Monster. „Und ein Wortmonster würde bestimmt ein sehr langes Wort dafür erfinden.“

„Himmelpfütze“, murmelte Karl.

Das Monster lächelte.

„Das mag ich.“

„Gibt es auch eins für Häuser?“

„Ja. Ich glaube, das würde gern herausfinden, warum die Treppe an einer bestimmten Stelle knarrt.“

Karl gähnte.

„Und eins, das manchmal Angst hat?“

Das Gedanken-Monster wurde still.

Dann sagte es: „Ja. Auch das hat Platz in meinen Geschichten.“

Karl ließ die Augen zufallen.

Für heute waren das genug Monster.

Die anderen Geschichten konnten bis morgen warten.

„Bleibst du noch sitzen?“, murmelte Karl.

„Eine kleine Weile.“

„Aber denk dir nichts Raschelndes mehr aus.“

„Abgemacht.“

Das Gedanken-Monster lehnte den Kopf ans Bett.

Draußen fuhr noch ein Auto vorbei. Nebenan blätterte Papa eine Buchseite um.

Auf dem Nachttisch lag das Papierschiff sicher im Hafen.

Und als dem Gedanken-Monster doch noch etwas einfiel, behielt es den Gedanken für morgen.

Es war ohnehin nur ein sehr kleiner.

Mit einem einzigen Hut.

Schön, dass du dabei warst.
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